Samstag, 25.09.2021 18:14 Uhr

Forderung nach einem Systemwandel in der Landwirtschaft

Verantwortlicher Autor: Dipl.Kfm. Dirk Osada MBA Wien, 15.01.2021, 22:23 Uhr
Presse-Ressort von: Dipl.Kfm. Dirk Osada MBA Bericht 5335x gelesen
Weizen auf trockenem Boden
Weizen auf trockenem Boden  Bild: Pixabay_wheat-1530321_1920

Wien [ENA] Es gibt in natürlichen Kreisläufen immer den Punkt, wo es mit dem Wachstum reicht, und es Zeit für Regeneration und Stabilisierung braucht. Diese Balance finden entweder die Ökosysteme selbst oder jemand, der die Kreisläufe versteht. Wie geht es weiter?

Ist es nachvollziehbar, dass die Landwirte aufgebracht sind und Demonstrationen organisieren? Lange Zeit wurde eine bestimmte Art von Landwirtschaft verlangt, so waren ja auch die politischen Anreizsysteme. Und jetzt, wo sich das ändert, geht gleich die Suche nach den Schuldigen los. Richtiger wäre es, die Fehlstellungen in dem gesamten Ernährungssystem zu suchen, das wir gestrickt haben. Dann ist es eine geteilte Aufgabe aller, die an der Wertschöpfungskette beteiligt sind. Von der Politik über die Produzenten bis hin zu Handel und Konsumenten. Es gibt für alle etwas zu tun, wenn wir dieses System auf Nachhaltigkeit ausrichten wollen, die Landwirte allein können das nicht richten.

Welche Stimmen haben die Landwirte eigentlich, aufgrund ihrer sehr unterschiedlichen Ansätze in der Landwirtschaft? Die Differenzierung geht verloren, wenn ein ganzer Sektor mit einer Stimme spricht. Und meistens, das ist auch in Brüssel zu beobachten, einigt man sich dann nur auf einen Minimalkonsens. Das schwächt diejenigen, die Veränderungen vorantreiben wollen und hilft denen, die Besitzstände wahren. Auf einen Sektor wie die Landwirtschaft müssten wir differenzierter schauen, sei es wegen der Spezialisierung von Betrieben oder wegen regionaler Unterschiede, die ja bestimmte Formen von Landwirtschaft einfacher oder schwerer machen.

Was bedeutet es, Lebensmittel hoch effizient zu erzeugen? Was ist denn effizient? Wenn man es nur ökonomisch betrachte, habe ich schon eine ganze Reihe von Wertentscheidungen getroffen. Weil ich eben nur das, was in einen Preis läuft, in meine Effizienzrechnung einbeziehe. Und dieser Preis sagt aktuell eben nicht die ökologische Wahrheit. Erst wenn ich anfange zu messen, ob z.B. Ökosystemdienstleistungen erhalten werden, dann kann ich wirklich über Effizienz mit langfristiger Perspektive sprechen. Oder wir können über Energieeffizienz sprechen. In manchen Bereichen werden historisch viele Kilojoule verbraucht, um ein Kilojoule in Form von Nahrung zu erzeugen.

Geld und Preise lassen sich politisch verändern, die physikalischen und biologischen Gesetze langfristig fruchtbarer Böden und intakter Ökosysteme nicht. Das wissen die Landwirtinnen selbst am besten und sollten in eine Umgestaltung der politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen einbezogen werden, so dass ökonomische Effizienz und ökologische Effizienz zusammenfinden.

Wenn daraus hervorgehend, nicht mehr nach ökonomischen Effizienzmassstäben hergestellt wird - wie soll dann eine Weltbevölkerung ernährt werden? Da gibt es natürlich für jede Meinung eine Studie. Ich denke, man sollte die Studien anschauen, die perspektivisch arbeiten: mit dem jetzigen Zustand der Böden ist das schwierig, aber wenn wir ihnen sechs, siebe Jahre geben, in denen wir sie aufbauen und integrierte Landwirtschaft betreiben, dann wird auch eine andere Produktivität auf dem Quadratmeter möglich werden. Außerdem: was ist denn der Umkehrschluss? Wenn wir die Menschen nicht nachhaltig versorgen können, haben wir irgendwann ein megamäßiges Problem.

Wir können dann Nahrung im Labor züchten. Aber wir können auch schlicht die Ernährungsgewohnheiten so verändern, dass mit der gleichen Fläche mehr Menschen gesund satt werden. Den Fleischkonsum an die Empfehlungen zu gesunder Ernährung anzupassen wäre hier schon ein riesiger Schritt nach vorne. Auch das Ausmaß, in dem produziertes Essen weggeschmissen wird, gilt es zu reduzieren. Ernährungssicherheit ist bereits heute mehr eine Verteilungsfrage als eine Massenfrage.

Ist es richtig, dass ökologische Landwirtschaft mehr Boden für den gleichen Ertrag braucht und somit eigentlich klimaschädlicher ist? Auch hier ist es doch wieder die Frage, was wir als Ertrag bezeichnen. Sobald ich zum Beispiel einrechne, dass Biodiversität geschützt wird, dass Wasser im Boden gespeichert wird und dass Humus aufgebaut wird, werde ich wahrscheinlich zu einer anderen Definition von Ertrag kommen. Und dann werde ich wahrscheinlich in jeder Region zu einem anderen Ergebnis kommen, weil ich ganz andere Voraussetzungen habe.

Die Vision, mit der wir arbeiten sollten, ist die Nutzung der Böden so zu gestalten, dass sie langfristig möglichst viele Dienstleistungen gleichzeitig bereitstellen können: Nahrung, Biodiversität, Fruchtbarkeit, Klimasenke, Wasserspeicher, Ästhetik, rurale Lebensräume. Alle diese Potenziale sollten in die Diskussion einbezogen werden, die Forschungs- und Innovationsprogramme auch so multifunktional aufgesetzt werden.

Gibt es die Bereitschaft der Verbraucher, mehr zahlen zu wollen für nachhaltig erzeugte Lebensmittel? Früher haben wir ja schon mehr von unserem Budget für Lebensmittel ausgegeben. Warum sind die überhaupt so billig geworden und wo fließt das eingesparte Geld heute hin? Bei unteren Einkommen finden sich dort die Ausgaben für Wohnraum, also für Totmittel. Hier kann gegengesteuert werden. Eine weitere Frage ist: Warum ist das Haushaltsbudget überhaupt so knapp geworden, dass ich meine Bedürfnisse nach guter Ernährung nicht mehr befriedigen kann?

Bei der Debatte um den Mindestlohn geht es ja nicht nur um die Ungerechtigkeit zwischen den Lohngruppen, sondern auch um die Frage, ob sich jemand vernünftige Lebensmittel leisten und eine Rente aufbauen kann oder nicht. Und die dritte Frage ist: Wie würde es die Preisgestaltung verändern, wenn die Fördersysteme in der Landwirtschaft tatsächlich umfassend auf Nachhaltigkeit umgestellt würden. Jetzt aus dem Ist-Zustand abzuleiten, wie hoch ein Aufschlag für Biodiversität oder CO2-Verbrauch sein müsste, wäre schwierig. Es gibt also mehrere Ansatzpunkte und in der Corona Krise merken die Menschen, was ihnen im Zweifel wichtig ist: Das ist meine Gesundheit und das ist meine gesicherte Ernährung. Hier liegt eine Chance.

Worin besteht die Animation - mehr regional und saisonal einzukaufen? Mit Lebensmitteln verbindet man den eigenen Lebensraum, die Rückbindung an Grund und Boden, die Existenzgrundlage. Hier Wertschöpfungsketten wieder direkter mit der Bevölkerung vor Ort zu verbinden erscheint mir sehr sinnvoll. Dafür eignen sich rechtliche Vorgaben, Anreize für die Produzenten, klare Herkunfts-Informationen auf den Produkten und die öffentliche Vergabe. Bremen hat beispielsweise gerade angeordnet, alle Kitas, Kliniken und Schulen nur noch mit Bio-Essen zu versorgen.

So etwas ist ein guter Hebel, um den Markt für solche Produkte größer zu machen –Steuergelder sollten auch sinnvoll steuern. Es gäbe also viele Möglichkeiten, etwas zu verändern. Und in der Umsetzung gilt das Solidaritätsgebot global: es sind westliche Politik und Konsumstandards, die eine exportorientierte Entwicklung im Lebensmittelbereich gefördert haben. Also muss auch eine teilweise Entflechtung weltweit gemeinsam gestaltet werden, so dass auch in ärmeren Ländern resiliente regionalere Kreisläufe entstehen können.

Wenn man Land als Gemeingut betrachtet, würden es Bauern und Forstwirte im Verständnis aller gut bewirtschaften? Ich finde, das passt sehr gut zusammen. Erst einmal geht es um eine globale Perspektive, die nicht von Länder- oder Besitzgrenzen bestimmt wird. Wenn wir zum Beispiel über Biodiversität oder Klimaschutz reden, geht es ja darum, Artenvielfalt und CO2-Kreisläufe stabil zu halten. Die halten sich aber nicht an menschgemachte Zäune. Deshalb liegt gerade in der Bewirtschaftung des Bodens die Herausforderung, lokal zu denken und globale Ziele zum Erhalt der ökologischen Gemeingüter zu unterstützen Im neuen Gutachten des WBGU wird es um drei Dinge gehen:

Erstens um den Schutz: Wie können Mensch und Natur in Schutzgebieten zusammenleben? Zweitens um den Wiederaufbau: Wie kann die Kraft der Ökosysteme, also die Regenerationsfähigkeit der Natur, wieder verbessert werden? Und drittens geht es um die die nachhaltige Bewirtschaftung, damit wir langfristig verlässlich profitieren können. In der Umsetzung geht es dann auch um Fragen wie die, welche Form der Zusammenarbeit und Absprachen über einzelne Betriebe, Regionen und Länder hinaus das beste Resultat ermöglicht.

Sollte man Land als Gemeineigentum führen oder in Privatbesitz geben? "Gegenfrage: Woher kommt der Gedanke, dass man Land besitzen können sollte? Mark Twain hat schon gesagt: es lohnt sich, Land zu erwerben, denn es wird nicht mehr produziert. Eigentumsverhältnisse haben sich also immer verändert und es kommt auf die Zielsetzung hinter dem Besitz an und auf die Verteilung an. Die Idee, man könne mit seinem Eigentum einfach tun, was man will, ist daher auch nicht mit unserem Grundgesetz vereinbar. Dort steht, dass Eigentum verpflichtet und ich mich im Umgang damit an gesellschaftlichen Zielen orientieren sollte.

Umgekehrt geht es in vielen Ländern erst einmal darum, überhaupt Landrechte und damit einen verlässlichen Anspruch für die lokalen Bauern zu sichern. Denn mit dem Stichwort Landgrabbing stellt sich die Frage, ob eine hohe Konzentration von Landeigentum noch mit einer Marktwirtschaft vereinbar ist oder ob man sich wieder Mustern des Feudalismus nähert. Und wir können auf dem Mietmarkt beobachten, was rein investitionsgetriebener Besitz bewirkt: Die abwesenden Eigentümer haben wenig Interesse an langfristigen Investitionen, an guten Beziehungen in der Region, an Mitspracherechten derer, die dort leben.

Wie könnte man die Landwirte aus dem Würgegriff des brutalen Preiskampfes, den immer höheren Pachtzins und immer schärfer werdenden Verordnungen befreien? Das geht nur mit einem systemischen Ansatz, also mit vielen parallelen Maßnahmen. Natürlich muss ein höherer Anspruch an die Produzenten begleitet sein von Anti-Dumping-Regeln für den Handel und Preisanpassungen für importierte Lebensmittel. Und auf der anderen Seite muss die Subventionsvergabe der EU dringend geändert werden, weil hier ja zum weit überwiegenden Teil einfach nach Fläche bemessen wird und nicht nach gesellschaftlich wünschenswerten Leistungen.

Und, auch das ist klar, die Bodenspekulation und hohe Verschuldungen, die Bauern das Leben schwermachen, können so nicht weitergehen. Auch sind die Kräfte zwischen großen Zulieferern und Abnehmern im Verhältnis zu einzelnen Produzenten zu ungleich verteilt für eine faire Verhandlung von Verträgen. Aus unserer Sicht wäre es schon wichtig, das gesamte System mit in die Diskussion zu bringen, also auch die Vertreter von Kommunen – insbesondere von dörflichen Regionen. Das sind auch Betroffene, die von diesen Entscheidungen in ihrer Lebensweise beeinflusst werden. Interessant sind sicherlich auch Start-Ups, Investoren und Innovatoren, um den gesamten Mix in der Landwirtschaft abzubilden.

Unbedingt notwendig wären auch ProzessexpertInnen. Denn wenn – wie es bei der Kohlekommission passiert ist – jeder Interessenvertreter am Beginn der Diskussionen erst einmal seine rote Linie markiert, ist die Zukunftsoffenheit schon im Eimer. Denn dann wird jeder dieser VertreterInnen nur noch daran gemessen, ob er seine rote Linie erfolgreich verteidigt. Und zu guter letzt:

Nur dann, wenn man Wettbewerbsfähigkeit neu definiert. Wer hier nur ökonomische Messgrößen anlegt und auf dem ökologischen Auge blind bleibt, bleibt mittelfristig auch auf dem sozialen Auge blind. Wettbewerbsfähigkeit muss also im Sinne von True Cost Accounting oder Umweltbilanzen eine reale Betrachtung der Wirtschaft erlauben, also sich auch für die Grundlage zukünftigen Wirtschaftens interessieren. Wettbewerbsfähigkeit ist das Mittel, Nachhaltigkeit ist der Zweck, nicht umgekehrt. Und eine gesunde Definition von Wettbewerbsfähigkeit kann nur eine sein, in der Landwirte von ihrer Arbeit gut leben können, idealerweise irgendwann ganz ohne Subventionen.

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